> Rezension von Sven Felix Kellerhoff, Die WELT / Berliner Morgenpost

Buchbesprechung: Lexikon der Bismarck-Denkmäler

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Wie Berlin dem "Eisernen Kanzler" huldigte

Vergraben, verlagert, vergessen: Ein neues Lexikon geht dem Schicksal der Bismarck-Denkmäler in der Reichshauptstadt nach

Von Sven Felix Kellerhoff

Personenkult ist typisch für Diktaturen - von Kim Jong Il über Saddam Hussein und Josef Stalin sowie Hitler zurück bis zu Nero reichen die Beispiele. Doch hat keine dieser Tyranneien den Weltrekord in der Verherrlichung eines Staatslenkers aufgestellt, sondern - das deutsche Kaiserreich: Beinahe tausend Statuen, Türme und weitere Denkmäler wurden dem "Eisernen Kanzler" Otto von Bismarck gewidmet. Seinen Höhepunkt erreichte der Personenkult am 1. April 1895, dem 80. Geburtstag des Fürsten: Gleich 394 Städte in Deutschland ernannten den "Schöpfer des Kaiserreichs" zum Ehrenbürger.

Nun war das Deutsche Reich von 1871 gewiß keine vollwertige Demokratie. Aber ebensowenig kann man den Staat Wilhelms I. und seines Enkels bei allen autokratischen Zügen als Unterdrückung einer Volksmehrheit bezeichnen. Was also führte zu dem mit anderen Staaten seiner Zeit unvergleichlichen Personenkult?

Bevor man diese nur scheinbar einfache Frage beantworten kann, muß man freilich erst einmal Inventur machen: Wie viele Bismarck-Denkmäler gab es eigentlich - und welche stehen noch? Welche Typen dominierten? Wer war jeweils die treibende Kraft bei der Widmung eines Bismarck-Denkmals?

Überraschenderweise ist erst jetzt, mehr als ein Jahrhundert nach dem Höhepunkt der Bismarck-Welle, eine umfassende Sammlung solcher Denkmäler erschienen - von Aachen bis Zwickau, von Togo bis zu Neuguinea. Sieglinde Seele hat ihr "Lexikon der Bismarck-Denkmäler" jetzt im verdienstvollen Michael Imhof-Verlag vorgelegt (480 S., 49,80 Euro). In zwei Jahrzehnten hat sie eine unübersehbare Menge an Material zusammengetragen - vor allem alte Ansichtskarten, Zeitungs- und Zeitschriftenartikel. Viele Denkmäler hat sie im heutigen Zustand fotografiert. So ist ein Kompendium entstanden, das den Kult um den Gründungskanzler hervorragend aufschlüsselt.

Im (heutigen) Berlin gab es nicht weniger als 19 Bismarck-Denkmäler, außerdem mindestens drei Bismarck-Medaillons und weitere Ehrungen. Die Zeitläufte brachten es mit sich, daß wohl nirgends die Bismarck-Denkmäler eine bewegtere Geschichte haben als in der preußischen und Reichshauptstadt.

Im Wortsinne trifft das zum Beispiel auf das Nationaldenkmal für den "Eisernen Kanzler" im Tiergarten zu. 1901 eingeweiht und nicht ganz zufällig vor dem Reichstag, dem am Hofe ungeliebten Parlament, aufgestellt, mußte es 1938 Albert Speers Wahnideen einer "Nord-Süd-Achse" weichen und wurde am Großen Stern wieder aufgestellt, zusammen mit weiteren Statuen und der Siegessäule.

Nicht wieder aufgetaucht ist dagegen die Bismarck-Büste von der Siegesallee, die dort zu Füßen von Kaiser Wilhelm I. aufgestellt war. 1945 bei der Schlacht um Berlin beschädigt, danach auf Anordnung der Alliierten abmontiert, wurde sie wahrscheinlich im Garten des Schlosses Bellevue vergraben. Doch anders als die meisten Figuren dieser preußischen Via triumphalis blieb dieser Bismarck verschollen. Ins Stadtmuseum gewandert ist eine Statue aus Wilmersdorf, die Bismarck als "Schmied des Reiches" zeigt; ursprünglich schmückte sie eine Stadtvilla an der heutigen Bundesallee. Jüngere Betrachter erinnerte die Statue 1990 bei der großen Bismarck-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau allerdings eher an den Schmied Automatix aus der Comic-Serie Asterix als an einen ehrwürdigen Staatsmann.

Verschwunden ist das massigste aller Berliner Kanzler-Denkmäler: die 40 Meter hohe Bismarck-Warte auf dem Müggelberg in Köpenick. Gekrönt wurde sie von einer Feuerschale, einem typischen Schmuckelement von Bismarck-Denkmälern. 1945 sprengte die Wehrmacht den Turm - warum, ist unklar.

Sieglinde Seele gibt in ihrem enorm detailreichen Kompendium keine Antwort auf die Frage, wieso ausgerechnet Bismarck zum Objekt des Personenkultes wurde. Obwohl Wilhelm II. durchaus gegensteuerte, zahlreiche Denkmäler und Kirchen für seinen Großvater Kaiser Wilhelm "den Großen" (so die damalige Titulatur) errichten ließ, blieb doch der langjährige Reichskanzler die zentrale Figur. Für weitere Forschungen in den Tiefen des deutschen Geschichtsbewußtseins legt das Lexikon der Bismarck-Denkmäler ein solides Fundament.

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Der Artikel erschien zuerst am 28.06.2005 in der Berliner Morgenpost, im August 2006 in etwas veränderter Form in der WELT

Mit freundlicher Genehmigung von Sven Felix Kellerhoff

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