> Rezension von Dietmar Rößler, Sächsische Zeitung vom 20.09.2006

Buchbesprechung: Lexikon der Bismarck-Denkmäler

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Lebt denn der Löbauer Bismarck noch?

Auf diese und andere Fragen versucht ein Bismarck-Lexikon Antwort zu geben.

Von Dietmar Rößler

Die Ehrfurcht vor Bismarck hat vor rund 100 Jahren zahlreiche Ehrenmale entstehen lassen. Nun ist sogar ein „Lexikon der Bismarck-Denkmäler“ aufgelegt worden. Sieglinde Seele beschreibt darin hunderte Türme, Denkmale, Büsten, Wandfriese usw., die alle etwas mit Bismarck zu tun haben.

Die Autorin recherchierte für ihr Nachschlagewerk auch Details in der Oberlausitz, die keineswegs allgemein bekannt sein dürfen. Wer weiß schon, dass es in Oybin einen Bismarck-Felsen gegeben hat. Der Bismarck-Turm in Neugersdorf ist dagegen eher ein Begriff. Er ist einer der von 170 dem „eisernen Kanzler“ gewidmeten Türme und Feuersäulen, die heute noch existieren. Über 400 waren geplant, knapp 240 wurden realisiert.

Auch von den rund 100 von Sieglinde Seele ermittelten Standbildern befanden sich einige in der Oberlausitz. Görlitz ehrte Bismarck mit Darstellungen an der Ruhmeshalle (heute Dom Kultury), einer heute noch existenten Feuersäule an der Landeskrone und als Figur am Kaiser-Wilhelm-Denkmal, die aber 1942 für die Rüstung eingeschmolzen wurde. Heute steht dort ein Mahnmal für die Opfer des Faschismus. Dieselbe Verwendung erfuhr auch der Sockel des Zittauer Bismarck-Denkmals am heutigen Klienebergerplatz. Allerdings irrt die Autorin hier, wenn sie von einem „NVA-Denkmal“ spricht. Ein Lapsus, den man bei der Fülle der gesammelten Informationen tolerieren sollte. Sogar in Sohland / Spree hat sie einen Gedenkstein mit historischem Foto gefunden und weiß, dass „Reste der Bismarck-Gedenkstätte heute noch vorhanden“ sind. In Großschönau erkundete sie, dass 1889 auf dem Hutberg ein „Kaiserhain“ eingeweiht wurde, einschließlich einer Bismarck-Büste. 1946 wurde die Denkmalanlage zerschlagen, die steinerne Einfassung existiert laut Seele noch und „sieht gepflegt aus“.

Bei der Aufdeckung des Schicksals der im Lexikon unter „Bautzen“ beschriebenen Anlage auf dem Czorneboh hat die dortige Sächsische Zeitung geholfen. Sie berichtete 1992 über den Fund von 50 Bruchstücken des ehemaligen Sandstein-Denkmals. Deren Zustand deutete darauf hin, dass die Statue umgeworfen und zusätzlich mit Hämmern zerstört worden ist.

Das spektakulärste Schicksal erlebte möglicherweise das etwa 1,90 m große Löbauer Bronze-Denkmal, das man 1904 auf dem damaligen Königsplatz errichtete. Es wurde 1941 demontiert, aber nicht zerstört. Bis 1945 lag es in einem Eisenwerk, dann im Städtischen Bauhof, und schließlich wurde es „heimlich nordwestlich von Löbau begraben“. „Lebt“ also der „Löbauer Bismarck“ noch? Gibt es neben dem „Geldkeller“ ein weiteres Löbauer Geheimnis?

Auf alle Fälle hat Bismarck diese Aufmerksamkeit verdient. Er war, so das Buch, nicht der „finstere Nationalist“, als der er oft dargestellt wird. So ist das oft missbrauchte Bismarck-Zitat von 1888: „Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt…“ dort nicht zu Ende, sondern geht weiter: „…und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen lässt.“ Auch das liest man im Bismarck-Lexikon.

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Mit freundlicher Genehmigung von Dietmar Rößler, Zittau