> Rezension von Michael Hacker, Alemannia Bonn 1986, Januar 2006

Buchbesprechung: Lexikon der Bismarck-Denkmäler

Bedeutende Persönlichkeiten werden, meist erst nach ihrem Tod, durch die Errichtung von Denkmälern geehrt. Die Entscheidung, ob der Geehrte dieser Ehrung (noch) würdig ist, unterliegt dem sich stetig wandelnden Zeitgeist. Entsprechend ist auch der Umgang mit Denkmälern, die frühere Generationen errichtet haben: Sie werden manchmal abgetragen, eingeschmolzen oder schlicht vergessen. Deshalb ist es verdienstvoll, wenn sie wenigstens in einem Lexikon der Nachwelt erhalten werden. Das vorliegende Buch ist eine solche Bestandsaufnahme für die existierenden und vielen nicht mehr auffindbaren Bismarckdenkmäler.

Otto von Bismarck, der „Eiserne Kanzler“ und Reichgründer, wurde bereits zu seinen Lebzeiten, stärker aber noch nach seinem Tod 1898, durch zahlreiche und mannigfaltige Denkmäler geehrt. Bei seiner Ehrung trat vor allem das Bürgertum als Initiator und Financier hervor, während vorher solche Ehrungen eher von staatlicher Seite erfolgten.

Diese Verehrung nahm in Deutschland (und den damals deutschen Gebieten und Kolonien) erhebliche Ausmaße an, so dass ihre Zahl in Deutschland wahrscheinlich nur von denen für Kaiser Wilhelm I. übertroffen wird.

Dieses kann man dem Buch „Lexikon der Bismarckdenkmäler“ von Sieglinde Seele entnehmen, der logischen Fortsetzung ihres 1997 (mit Co-Autor Günter Kloss) erschienenen Erstlings „Bismarck-Türme und Bismarck-Säulen“. Im nunmehr vorliegenden Werk wird die Betrachtung über die Bismarcktürme und –säulen (einige sind gegenüber dem Vorgänger noch dazugekommen) um ca.100 Standbilder, 55 Büsten, 270 Gedenksteine und 70 weitere Ehrungen an Wänden (z.B. Medaillons) sowie Brunnen (inkl. Grotten und Quellen) zu Ehren Bismarcks ausgedehnt. Nicht ausdrücklich berücksichtigt werden Straßen / Plätze (Bismarck-Straße; Bismarck-Platz), geographische Orte (Bismarck-Höhe), Bäume (Bismarck-Eiche), Bergwerke (Zeche Bismarck), Nahrungsmittel (Bismarck-Hering) oder Gaststätten / Hotels, die nach Bismarck benannt worden sind. Auch ohne deren Berücksichtigung ist ein Buch von 480 Seiten Umfang entstanden.

Der Gesamtdarstellung der o.g. Denkmäler (sortiert nach Standorten = Ortsnamen) ist ein Einleitungsteil vorangestellt. Neben einer Zeittafel und den Lebensdaten Bismarcks (leider fehlt die große Huldigungsfahrt der deutschen Studentenschaft zum 80. Geburtstag des Fürsten nach Friedrichsruh am 1.4.1895 unter Führung der Bonner Burschenschaft Alemannia) sowie  seiner Bedeutung und der Entstehung der Bismarckverehrung im deutschen Bürgertum werden die verschiedenen Arten der Denkmäler vorgestellt. Hierzu gehören auch die großen Bismarck-Monumente in Gotzlow/Stettin (Ruhmeshalle), Hamburg-Elbhöhe (Bismarck als Roland) und die nicht zur Ausführung gekommene Ruhmeshalle in Bingerbrück. Ausgestaltung und Schicksal dieser Denkmäler sind höchst unterschiedlich: einige sind unverändert erhalten geblieben, teilweise saniert worden (sogar ein Brunnen in Breslau wurde 1994 wiederhergestellt), andere wurden versetzt, abgerissen oder umgewidmet. Besonders hohe Verlustraten weisen die Büsten (80% existieren nicht mehr) auf.

Der Hauptteil (400 Seiten) bringt zahlreiche Daten (und hier liegt die viele Arbeit der Recherche verborgen) mit aktuellen oder historischen Fotos der Denkmäler. Hier lassen sich zahlreiche Kuriositäten wie diese finden:

  • Im Ersten Weltkrieg errichteten deutsche Soldaten in besetzten Gebieten 1915 aus Anlass des 100. Geburtstags von Bismarck sowohl in Frankreich (Bouillonville), als auch in Polen (Czermno) Bismarckgedenksteine.
  • Auf Cap Nachtigal (Kamerun) steht heute noch ein bis 1965 als Leuchtturm genutzter Bismarckturm.
  • Sogar in Chicago Illinois wurde 1913 ein Standbild Bismarcks errichtet.
  • Dresden (Laubegast) erhielt 1908 einen Ehrengarten mit zahlreichen Bismarck-Gedenksteinen (besteht heute nicht mehr).
  • Ein Bismarckrelief an einem Hausgiebel in Dresden-Loschwitz überstand die SED-Diktatur unbemerkt in einem Sack verhüllt.
  • In Eger (heute Cheb/Tschechien) befand sich eine Bismarckbank zum Verweilen.

Diese Aufzählung ließe sich beliebig verlängern.

Abgerundet wird das umfangreiche Werk durch zahlreiche Verzeichnisse (z. B. alphabetische Liste der Denkmäler; nach dem Enthüllungsdatum geordnete Liste, nach Bundesländern geordnete Liste), die das Auffinden bestimmter Denkmäler (auch unter den alten Ortsnamen) ermöglichen. Auch Denkmäler, die nicht im Detail im Hauptteil vorgestellt werden (z.B. Bismarckehrungen im Zusammenhang mit anderen Denkmälern; geplante, aber nicht errichtete Denkmäler), sind hier auffindbar. Listen der Architekten und Bildhauer sowie ein Literaturverzeichnis runden den nützlichen Anhang ab.

Mit dieser aufwändigen Arbeit ist Sieglinde Seele (mit tatkräftiger Unterstützung ihres Ehemannes Wolfgang) ein großes Standardwerk gelungen. Wer sich für Bismarck und insbesondere seine Verehrung interessiert, kommt an diesem Buch nicht vorbei.

Sieglinde Seele: „Lexikon der Bismarck-Denkmäler – Türme, Standbilder, Büsten, Gedenksteine und andere Ehrungen – Eine Bestandsaufnahme in Wort und Bild“, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2005, 480 Seiten, ISBN 3-86568-019-4, € 49,80.

Der Vorgänger:

Günter Kloss / Sieglinde Seele: „Bismarck-Türme und Bismarck-Säulen – Eine Bestands-aufnahme“, Michael Imhof Verlag, Petersberg 1997, 192 Seiten, ISBN 3-932526-10-4

Im Internet:

www.lexikon-der-bismarckdenkmaeler.de

www.bismarcktuerme.de

Michael Hacker (Alemannia Bonn 1986)